Motschenbacher erobern den (Wilden) Westen
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Die Mitte des 19. Jahrhunderts war eine Ära sozialer und politischer Mißstände in Deutschland und anderen Teilen Europas. Zahllose junge Menschen suchten damals ihr Glück in der Neuen Welt. Die meisten von ihnen trieb weniger die Sehnsucht nach Abenteuern in die unbekannte Ferne. Schließlich bedeutete ein solcher Schritt meist einen Abschied für immer von Familie, Freunden und Heimat. Pure Not und Perspektivlosigkeit in einem heillos zerstrittenen, von Krisen geschüttelten Europa waren die wohl eher ausschlaggebenden Gründe für die Auswanderung in ein fremdes, wildes Land, das da weit, weit jenseits des stürmischen Atlantik Freiheit, Arbeit und ein besseres Leben für jedermann versprach: AMERIKA.
Georg Motschenbacher (*9. April 1827 in Merkendorf bei Bamberg) war einer dieser jungen Menschen, die von einem besseren Leben in einem neuen Land träumten. Er war der zweitälteste Sohn von Andreas Motschenbacher (*1795 in Schweisdorf bei Bamberg) und Anna-Maria Fiedler (*1796 in Merkendorf). Georg war ein Neffe meines Ur-Ur-Urgroßvaters Johann Motschenbacher, was die verwandtschaftliche Verbindung erklärt.
Es war im Jahre 1849, als Georg seine Heimat Richtung Amerika verließ. Allerdings, Reisende in jener Zeit konnten nicht etwa mit großem Gepäck auf schnellen Ozeandampfern in Luxuskabinen in nur fünf Tagen einmal quer den Atlantik kreuzen. Da gab es keine opulenten Dinner in eleganter Abendgarderobe. Pro Passagier war nur eine schmale Holzkiste erlaubt und es galt, sich gut zu überlegen, was man wirklich auf die Reise mitnehmen wollte und was nicht. Eine Passage in drangvoller Enge von Hamburg oder Bremerhaven nach New York beispielsweise dauerte vier bis sechs qualvolle Wochen, was in erster Linie von Wind und Wetter abhing. Wochen, die geprägt waren von Seekrankheit und Heimweh, Sturm und Flaute, Hoffen und Bangen.
Für Georg (künftig: George) war die Reise längst nicht vorüber, als er an der Ostküste der USA eintraf. Von dort erlebte er eine sicherlich noch genau so aufregende Reise quer durch einige nordöstliche Staaten bis Wisconsin, wo er sich für mehrere Jahre niederlassen sollte. Die wesentlich sicherere Passage per Schiff durch den St.-Lorenz-Strom nach Wisconsin war zu der damaligen Zeit noch nicht möglich.
Sechs Jahre nach Georges Einwanderung, im Mai 1855, kam seine spätere Frau Kunigunda Rebhahn (in Amerika dann Kunegundis bzw. Connie genannt), geboren am 18. April 1836 in Bamberg, zusammen mit ihren Geschwistern und ihren Eltern, Lukas Rebhahn und Maria Zwosta, nach Amerika. Zwischen Kunigundas und Georges Heimatorten, Bamberg und Merkendorf, liegen nur etwa sechs Kilometer. Dennoch brauchten die beiden jeweils eine Reise um den halben Globus, um sich schließlich in Wisconsin zum ersten Mal zu treffen. Wie das Leben eben so spielt! Bereits kurze Zeit später, am 16. Oktober 1855, wurden George und Kunigunda in der “Mission Of St.Mary” in Milwaukee, Wisconsin, getraut.
Nach ersten Monaten in Milwaukee lebten beide in der Stadt Addison, Wisconsin, von 1857 bis 1870, wo George seinem Beruf als Schuhmacher nachging. 1870 zogen dann er, seine Frau und acht bis dahin geborene Kinder (eines war leider gestorben) nach Arcadia, Wisconsin. Dort war George dann mehrere Jahre in einem Hotel angestellt. Um 1880 schließlich kaufte sich das Ehepaar eine Farm nahe Sabin (Alliance Township) unweit der Stadt Moorhead, Minnesota, im berühmten Red River Valley.
In Minnesota begann George damit, Mais anzubauen, den er aus Wisconsin mitgebracht hatte. Andere frühe Siedler meinten, dass Mais in dieser Gegend niemals erfolgreich angebaut werden könnte. George dachte da anders und prophezeite, dass der Maisanbau eines Tages sogar ein großer Erfolg im Red River Valley sein würde. Ein paar enttäuschende Missernten zu Beginn ließen ihn in seinem Entschluss auch nicht wanken. Letzten Endes behielt er Recht und baute schließlich viele Jahre sehr erfolgreich guten Mais an.
Falls Sie also einmal nach Minnesota kommen und Sie dort ihr Weg am einen oder anderen Maisfeld vorbei führt – Sie wissen jetzt, wessen Hartnäckigkeit Sie dies letztlich verdanken!
Am 18. September 1896, als George Motschenbacher auf seiner Farm starb, war er 69 Jahre alt. Seine geliebte Frau Kunigunda überlebte ihn um immerhin 26 Jahre. Nach zwei Jahrzehnten, die sie bis etwa 1920 in Newburg, Oregon, verbracht hatte, starb sie am 7. Mai 1923 im Alter von 87 Jahren in naher Nachbarschaft zu einigen ihrer Kinder in Moorhead, Minnesota. Beide, George und Kunigunda, haben ihre alte fränkische Heimat niemals wieder gesehen.
Zusammen hatten George und Kunigunda sage und schreibe 14 Kinder, sieben Mädchen und sieben Jungen, zwei Mädchen starben allerdings im Kindesalter. Zum Zeitpunkt ihres Ablebens hatte Kunigunda dann bereits 78 Enkel und 64 Urenkel. Nicht ungewöhnlich für Familien in Amerika und Europa zu jener Zeit.
Aus der Verbindung von George und Kunigunda sind somit eine große Zahl von Nachfahren hervor gegangen, von denen viele auch heute noch den Namen Motschenbacher tragen, der für amerikanische Zungen nach wie vor fast unaussprechlich ist. Die Wurzeln vieler heute lebender Träger dieses Namens in der Neuen Welt reichen bis zu jenem ehemals aus dem schönen Bamberger Land stammenden Ehepaar zurück, das für sich und ihre Nachkommen einen neuen Kontinent eroberte. Durch ihre harte Arbeit, ihren Mut und Fleiß, ihre Rechtschaffenheit und Liebe trugen sie das Ihre dazu bei, dass die Motschenbacher “jenseits des großen Teichs” waschechte Amerikaner wurden. Yeah…

Alte Heimat: An dieser Stelle in Merkendorf bei Bamberg wurde George 1827 geboren. Das alte Haus wurde schon lange abgerissen.



